Prati Prasav

 

 

Prati Prasav kommt aus dem alten Indien und bedeutet so viel wie Zurückkehren. Prati steht für Zurück und Prasav für Geburt. Zurück zur Geburt, zurück zum Ursprung. Patanjali, vielleicht ein Zeitgenosse Buddhas, hat diesen Begriff in seinen Darlegungen über Yoga für die Methode der Rückführung benützt. Das erinnert an heutige Therapien, etwa an Primärtherapie. Aber Patanjali ging es sicher um weit mehr als um Therapie im westlichen Verständnis. Wahrscheinlich ging es ihm um das, was Jesus mit Umkehr gemeint haben mag: Um das Loslassen der Anhaftung an die Welt der Erscheinungen (+1 , -1 und 0) und die Hinwendung zur Stille, zur innersten Essenz. "Zurück zum Ursprung" bedeutet vielleicht zunächst: Zurück zur Geburt. Für viele geht es dann weiter: Zurück in der Familien-Geschichte. Manche wollen noch weiter zurück: Zurück in vergangene Leben. Irgendwann mag dann der Punkt kommen, an dem die Umkehr erfolgt: Nicht zurück in der Zeit, sondern zurück zum Ursprung. Und dieser Ursprung ist nur jenseits aller Zeit zu finden.

Prati Prasav könnte man eine Brücke zwischen westlichem und östlichem Verständnis nennen. Ausgangspunkt dieser Methode ist zum einen der Mensch in seinem gegenwärtigen Bewusstseinszustand, d.h. meist in seiner Identifikation mit seinem "Body-Mind-System" als einem von allen getrennten Wesen, und zum anderen das beginnende Verständnis für eine ganz andere Sichtweise, der Erkenntnis des eigenen Nichtsseins (Johannes Tauler).

Der Mensch in seinem gegenwärtigen Bewusstseinszustand ist fast immer zunächst einmal ein "Wesen" voller Schmerz, das nach Erlösung sucht. Da er in seiner falschen Identifikation festhängt, sieht er in aller Regel sich als Opfer der anderen oder der Umstände. Die logische Folge dieser Vorstellung ist, dass sich dieser Mensch von seinen Peinigern oder von seinen erdrückenden Umständen befreien will. Und ggf. holt er sich hierzu Hilfe bei seinen Freunden oder bei einem Therapeuten. Leider möchte er zu allem Überfluss auch noch für seine Sichtweise Recht bekommen von seinen Helfern, endlich einmal Recht bekommen, und er begreift nicht, wie ihn dieses Rechthaben-Wollen in seinem geistigen Gefängnis gefangen hält und damit sein Elend verewigt.

Jesus wurde offensichtlich ziemlich falsch verstanden. Er war ganz sicher kein Moralapostel, der seinen Mitmenschen heiliges Benehmen beibringen wollte. Jesus wies einfach auf ein paar sehr wesentliche Tatsachen hin. So sagte er beispielsweise den bekannten Satz: "Liebe deine Feinde!" Dieser Satz ist sicher nicht moralisch gemeint gewesen und es würde nur zur Heuchelei führen, wenn jemand versuchen würde, diese "Anweisung" auszuführen. Dieser Satz ist gleich auf den ersten Blick so paradox wie ein Zen-Koan. Ein Feind wird geradezu dadurch definiert, dass ich feindselige Gefühle für ihn hege. Jesus wollte wohl auf etwas ganz anderes hinaus, er wollte wahrscheinlich die Erkenntnis initiieren, dass ein Feind meine Kreation ist. Ich mache einen anderen zu meinem Feind, weil ich an meiner Identifikation mit mir als einem getrennten Wesen und mit den Vorstellungen dieses Wesens klebe. Ohne diese Identifikation gäbe es keinen Feind, gäbe es nicht einmal einen anderen.

Prati Prasav ist als Methode genau so paradox wie der eben zitierte Satz. Es lässt den Betreffenden erst sein Opferdasein fühlen und ggf. ausdrücken mitsamt den dazugehörigen Vorwürfen an seine Umwelt und - es lässt ihn damit immer wieder scheitern. Weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart ändert sich im Außen etwas. Es war, wie es war, und es ist, wie es ist. Alles, was getan werden kann, ist, den Schmerz und die Trauer darüber zu fühlen, so lange, bis das Unannehmbare angenommen werden kann. Alle Vorstellungen darüber, wie die Dinge hätten gewesen sein sollen oder wie sie gegenwärtig sein sollten, müssen scheitern, bis sich ganz von selbst ein Zustand von Hingabe an das, was ist, einstellen kann. Erst dann kann ein Zustand von nichtwertendem Gewahrsein entstehen, der die Vorstellung von einem eigenständig handelndem Wesen verblassen lässt.

 


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